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Wir machen uns mit Pornographie einen schönen Abend. Wo liegt das Problem werden Sie vielleicht denken. Nun, es werden weder Bilder noch Filme gezeigt und Anfassen ist auch nicht.

Die linkslastige Tageszeitung, liebevoll TAZ abgekürzt, versammelt in ihrem verglasten verlagsinternen Cafe an der Rudi-Dutschke-Straße: eine Professorin (Biologin), zwei Journalisten (die davon leben über Sexualität zu schreiben) und einen Schüler (jede Diskussionsrunde braucht wenigstens einen Teilnehmer, der so gar keine Ahnung hat). Das meinungsstarke Quartett moderiert die Frau Doktor von der Taz-Meinungsseite, die bereits Profundes zum Thema veröffentlichte.

Ich bin zusammen mit zwei klugen Geschlechtsgenossen, die ich bei den Bukkake-Events der „Wichsfreunde“ kennenlernte, und der Escortlady Ariane vor Ort, die zu den lebendigsten Sexworkerinnen Berlins zählt. Ariane sieht über den eigenen Tellerrand des Sexbusiness hinaus. Wir vier sind die bekennenden Praktiker im Zuschauerraum, währenddessen auf dem improvisiert hergerichtetem Podium die Theoretiker das Sprachrecht erhalten. Wir haben uns im obersten Stockwerk des Taz-Glaspalastes verkrümelt und haben so besten Blick auf Zuschauer und Diskussionsteilnehmer. Uns entgeht aus der Perspektive nichts. Wir sehen verklemmtes Lächeln wie überheblich zur Schau getragenes selbstsicheres Grinsen der Zuhörer.

Nach einer amateurhaften Stottereinleitung der Taz-Moderatorin, bei der sie eine Neugierde entfesselte geclusterte Vorstellung der Gesprächsteilnehmer vergaß, fordert sogleich Frau Professorin mit unbewegter Miene, die sie selbst bei fortlaufender Diskussionsdauer faltenschonend einsetzte: „wir brau
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chen eine Pornokompetenz für die Jugend, in dem ihnen unter pädagogischer Aufsicht erotische Filme gezeigt werden“. Der Journalist Gernert, der mit Sachlichkeit und einem erstaunlichen Wissen um Internas in der Pornobranche glänzte, offenbar ein guter Rechercheur, schlug zunächst einen lockeren Ton an: „das erste Pornovideo hat meine Generation noch bei den Eltern im Versteck gefunden, heute kommt man weniger geheimnisvoll ans Material“.

Seine niederländische Kollegin war aufgrund ihres starken holländisches Akzents und gewisser Wortfindungsschwierigkeiten häufig kaum zu verstehen. Frauen würden in Pornos untergeschickt, meinte sie gleich zu beginn. Untergeschickt? „Sie wollten sagen unterdrückt, oder?“, korrigierte die Moderation, beließ es dann jedoch dabei, weil man im Grunde eine Simultan-Dolmetscherin für diese Wortakrobatik à la Louis van Gal hätte einsetzen müssen. Sie brachte eine Degenerationsthese in die Diskussion ein, behaupte allen ernstes Bukkake (also die Massen-Gesichtsbesamung von einer Gruppe Männer auf eine Frau) sei bei der heutigen Generation Mainstream. Vielleicht habe ich es ja nur nicht richtig verstanden.

Der Schülervertreter, ein Bodybuilder, dessen Stärke nicht direkt im Formulieren von ganzen Sätzen liegt, erfreute uns mit der Erkenntnis, dass „Gangbangs in Neukölln sehr repräsentativ“ seien. Er habe noch nie über Pornographie nachgedacht. Gut, das klang allerdings echt glaubwürdig.

Frau Professorin brauchte im Grunde genommen keine Frage, um sich in Rage zu reden: Die heutige Jugend hätte Frauenarzt auf den Ohren und dessen Sprache im Kopf. In der Schule stellten sie die
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Szenen in Pornofilmen pantomimisch nach, wobei das die Lehrer als ein Zeichen deuten sollten, dass die Kinder über das Gezeigte in Pornos reden wollten. Viele Eltern schauten sich in Gegenwart ihrer Kinder Pornos an. Der Gesellschaft käme daher die Aufgabe zu, die heutigen Kinder im Umgang mit Pornos fit zu machen.

Im mittleren Teil des Talks wurde es seriöser. Ariane und die drei Wichsfreunde, allesamt sind wir Bukkakefans, konnten uneingeschränkt zustimmen.

- was mich böse macht, ist die Scheinfreiheit über den Körper und die Gefühle, die die Pornographie suggeriert.
- es gibt gute Gründe, warum es Pornographie eigentlich schon immer gab: es hat eine entlastende Funktion.
- man sollte unterscheiden zwischen Anmach-Pornos und ich-lass-mich-nicht-auf-meinen-Schwanz-reduzieren-Pornos.
- Pornographie ist heute Kulturgut und ein Riesengeschäft; aber könnte es sein, dass es alles immer empathieloser wird?

Herr Gernert findet es traurig, dass er als Mann im Porno auf einen Rammbock, der am Ende Flüssigkeit verliert, reduziert wird. Das Männerbild in Pornos sei ermüdend, langweilig, es laufe immer alles nach dem exakt gleichen Muster ab und die Verhaltensweise der Herren sei schon sehr seltsam und habe rein gar nichts mit der Realität zu tun. Und dann wirft Frau Professorin einen schlauen Gedanken ein: jedes Jahr gäbe es laut Statistik mehr Männer, die unter Pornosucht litten. Und da man sich beim Konsum immer weiter steigern müsse, konsumierten die Pornosüchtigen am Ende sogar Kinderpornographie, obwohl sie gar keine pädophile Neigung hätten. Bei Pornographie ginge es immer nur um Erregungsübertragung. Und das wichtigste Mittel, um wieder ohne Pornos auszukommen, sei eine geglückte Sozialisation. Dauerkonsumenten hätten schon mit vierzig Jahren einen sexuellen Burn-Out. Leider mündet ihre Tirade gegen sexuelle filmische Darstellungen in der provozierenden Frage: „Warum machen Frauen Analsex? Was finden Frauen so toll am Analsex? Sie wollen damit ihren Männern eine Freude machen, aber was soll eine Frau am Analsex so toll finden?“

In der offenen Diskussion, bei der sich die Zuhörer beteiligen können, wird über Porno-Lobbyismus, den weltweit auf vier Millionen weiblichen Sexsklaven geschätzten Folgen des gigantischen Pornokonsums und der Eigenvermarktung vieler Frauen via Webcam und kleinen Filmchen auf Portalen gesprochen. Was fehle, so resümiert eine Zuhörerin ganz nüchtern, sei eine sexpositive Pornographie.

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