
Einen einzigartigen offenen Austausch über Erotik und Sexualität, so verspricht es in ihrer Talkshow-Ankündigung hochnäsig-selbstbewusst das ModeratorInnen-Pärchen Maschinger-Peter. Das Fernsehen brauchte einst Ernie Reinhard, einen in hautengen Frauenfummeln gepressten Travestiekünstler, um der Nation in „Wa(h)re Liebe“ Gangbangpartys, das Liebesleben von Pornodarstellerinnen und die Vorzüge eines Sexworkerlebens näher zu bringen. Die Reportagen waren informativ, die Fernsehmacher gaben Brancheninsidern die Drehaufträge, was oft zu einer entlarvenden Mixtur aus versteckter Werbung und zur Peinlichkeitsgrenze inszenierten Eitelkeit der Protagonisten führte. Hingegen trieb es mich heute zum erotischen Salon in der Kulturbrauerei, um angeregt über Erotisches zum Nachdenken und Lachen gebracht zu werden. Leider erlebte ich eine inhaltsarm vorbereitete Talkshow ohne Esprit, bei der die Gastgeber substanzlose Fragen stellen, sodass sich die Gäste genötigt sahen einfach selbst den Gesprächsfaden in die Hände zu nehmen. Damit wenigstens überhaupt etwas thematisch Ansprechendes transportiert wurde.
Fazit: warum fehlt niveauvolle Unterhaltung über das Thema Nummer eins im Fernsehen? Und warum pilgere ich Idiot in diese modern aufgehübschte Hinterhof-Kaschemme, wo zu Beginn die Moderatorin Maschinger durch unsicheres Lachen und ihr angeheirateter Moderatorenkollege Peter sich erst mal auf die Suche nach seinen Notizen macht. Gemeinsam widmen sie sich lieblos den Themen, sind schlecht vorbereitet und bringen dann auch noch das Kunststück fertig, den Gästen beim Auftritt auf die improvisierte Bühne mit ihren kargen Vorstel
lungen ein mühevolles Entree zu verschaffen. Wo man doch Neugier nach dem Gast wecken sollte. Wo man doch die Kompetenz des Gastes herausarbeitet. Wo man sich doch als Gast willkommen fühlen sollte, um in Plauderlaune zu kommen. Unprofessioneller geht’s kaum.
Als Erste kommt Heide Meyer (67), Dessousverkäuferin mit Leib und Seele, ehemaliger Besitzerin des Lady M, in das zweifelhafte Vergnügen dem Ehepaar Rede und Antwort zu stehen. Als durchsetzungsstarke Menschenkennerin, die vor 40 Jahren im KaDeWe als Einkäuferin der Miederwarenabteilung erste Führungserfahrung sammelte, lässt sie sich von den Fragen nicht weiter ablenken, erzählt über Dessous, aber noch lieber von sich selbst. In den Sechzigern trugen ihre Angestellten grüne Kittel als ob sie Lebensmittel verkaufen würden und den Siebzigern eröffnete sie ihr eigenes Dessousgeschäft, in einer Zeit, wo es als Frau gerade en vogue war seine BHs zu verbrennen. Sie habe viel erlebt. „Die Mehrheit der Frauen tragen zu kleine BH-Größen. Wenn man auch nicht zugenommen hat, der Körper verändert sich mit den Jahren. Und so braucht man eine andere BH-Größe. Glauben Sie mir.“
Die Journalistin Dietlind Tornieporth (42) ist gekommen, um ihr Buch "Die perfekte Verführerin" zu promoten. Dagegen ist nichts zu sagen. Nur warum muss man für die Teilnahme an einer Verkaufsveranstaltung zahlen? Sie erzählt, was sie schon hundertfach erzählte. Es geht ihr flüssig von den Lippen. Frau Tornieporth hält Seminare zum richtigen Flirten für Frauen ab. Sie bietet damit den Frauen eine Anleitung zum männlichen Pendant, dem Pick-up-Artist (Aufreißkünstler). „Wie
macht das ein Pick-up-Artist? Er schaut sich morgens in den Spiegel und sagt sich: man bin ich sexy. Wie ein Mantra erzählt er das allmorgendlich seinem Spiegelbild bis er das eines Tages glaubt. Denn dann glauben es auch andere.“
Sie sei sicher, wer als Frau einen Mann suche, der finde nie einen. Man dürfe keineswegs bedürftig erscheinen. Wichtig sei sich zunächst zu fragen, wo man sich als Frau verbessern könne (Stimmlage, Sprachtempo, Worte sind unwichtig, Aussehen ist nachrangig, Ausstrahlung ist entscheidend). Die Frau müsse Flirtkontakte setzen (Lächeln, Haarezwirbeln, Augenkontakt, Kopf schief legen – sie präsentiert ihm seine verletzliche Seite). Das wirkt. „Wenn dir ein Mann wie ein Schluck Wasser entgegenkommt, könne man sich ganz sicher sein: der will nichts von mir. Wenn ein Mann in Angeberpose auf einen zukommt, dann besteht Interesse.“
Frau Tornieporth hat tatsächlich eine tiefere Stimme, wenn sie so sachlich referiert. „Eine Frau müsse ihr weibliches Charisma kultivieren, um erfolgreich Männer aufzureißen.“ Frauen sollten ruhig das Weibchen mimen. Das funktioniere.
In der Pause der Veranstaltung lerne ich Giulietta kennen. Wir sind uns über den hohen Gähnfaktor der Talkshow einig und dann macht sie ganz große Augen: „Was? Du bist der Suizido aus dem Verkehrsberichteforum. Das glaub ich nicht.“ Nachdem wir unsere eventuell gemeinsamen Bekanntschaften aus der Szene abgeklopft haben, kristallisiert sich ein Name heraus: Ariane. Unsere Unterhaltung ist der herzliche Höhepunkt des heutigen Abends.
Nach der Pause sitzt die Chefin des aktuell besten, da anspruchsvollsten Erotikmagazins Anja Braun im Bühnensessel und erzählt über ihr Feigenblatt (5). „Im Grunde ist die Idee während meiner Arbeitslosigkeit, in einem Seminar der Arbeitsagentur entstanden.“ Immer wieder hat das Magazin mit der Zensur zu kämpfen und doch sagt Anja Braun fast deprimiert: „Irgendwann ist mir aufgefallen, dass die Apotheken-Umschau mehr nackte Haut zeigt als wir. Und nun haben wir mit der aktuellen Ausgabe wieder Ärger. Ich schaue mir nochmal alles an: irgendwo Schamlippen zu sehen. Uff, Glück gehabt. Aber ob der Cunnilingus-Artikel so okay ist? Ich frag mal den Anwalt.“ Der Anwalt überbringt ihr dann die unfrohe Botschaft, dass dieser Artikel eindeutig Pornographie sei und in ihrem Heft nicht erscheinen dürfe. Sie wolle mit so einem Artikel ja was verbessern. Es sei wichtig, dass Männer erführen wie man richtig lecke.
Nachdem ein Vertreter der Berliner Aids-Hilfe ein kurzes Statement abgab, findet zugunsten seiner Organisation eine hochnotpeinliche Versteigerung statt, deren Erfolglosigkeit die beiden Macher des erotischen Salons persönlich nehmen sollten. Mitleid mit der Gesamtsituation und der Mut zur guten Tat für die Berliner Aids-Hilfe bringt dann einige Gäste dazu, ihr Portemonnaie zu öffnen. Diese Fragensteller ohne Empathie und Enthusiasmus sehen mich nicht wieder.