Macht ist mies, aber noch viel mieser ist es ohnmächtig zu sein
Zurückgebeamt in die Jugend: ich sitze zusammengepresst in einem beengten Kino, das schäbig eingerichtet ist und atme verbrauchte, überhitzte Luft ein. Und bringe dann noch das Kunststück fertig, mich in diesem Moviemento heimisch zu fühlen. So ein unkomfortables Ambiente habe ich ewig nicht mehr besucht.
Als ich noch ein Teenager war und das erste Mal in ein Pornokino ging, saßen die anderen männlichen Kinobesucher im größtmöglichen Abstand zueinander. Es fehlte jede zweite Reihe. Aus gutem Grund. Ich schämte mich ein bisschen für das, was ich tat. Es ist eine Ewigkeit her. Von den heutigen Kinobesuchern, der Saal war bis auf den letzten Platz ausverkauft, alle dürften zwischen 18 und 25 Jahren alt gewesen sein, überwiegend weiblich, schämt sich niemand. Dabei sehen wir hier den Film Pornoprotokolle. Hinter mir drei aufgeregte Madels mit Wiener Akzent, vor mir zwei Schülerinnen der gymnasialen Oberstufe mit hochgeschlossenem Dekolletee und Halstuch. Ich bin definitiv der älteste Besucher hier. Diesen Abend als Anhaltspunkt genommen, scheint sich die weibliche Jugend mehr für Pornos zu interessieren als männliche alte Säcke mit Bauchansatz.
An der Kasse werde ich gefragt, ob ich 4,50 Euro oder 6,00 Euro zahlen möchte. „Nee, is freie Platzwahl. Wenn du 6,00 Euro gibst, unterstützt du uns halt.“ – „Okay, dann nehm ich eine Karte für 4,50 Euro.“ Hat man ja selten, dass die Komiker nicht auf der Bühne sondern an der Kasse sitzen.
Der Film beginnt mit dreißig minütiger Verspätung. Mein Nachbar zur Linken ist gesprächsresist
ent. Er ist weder unter Einsatz meiner mitgebrachten sauren Haribos noch bei Anschlagen eines lockeren Plaudertons bereit mit mir ein Wort zu wechseln. Eine halbe Stunde zusammengepresst in engen Sitzen und unter lebensbedrohlichen Sauerstoffmangelverhältnissen zu verbringen, ohne dass wenigstens mal jemand mit einem spricht, ist leider noch eine Spur schwerer zu ertragen.
Das erste Highlight des Filmes sind die Sandaletten des kamerabedienenden Regisseurs Tom Herold, in dem dreckige Fußnägel stecken. Er filmt in Tschechien und wir begutachten die einzige Szene, in der der männliche Darsteller fünf auswendig gelernte Worte sprechen soll und dafür mehrere Anläufe braucht. Der Regisseur beeindruckt derweil mit einem Pickel auf der Nase, ist sich zwar der Wirkung seiner Pornofilme, aber offensichtlich nicht seiner Selbstdarstellung im Interview bewusst: „bei diesem Film habe ich eine 25-Minuten-Sexszene drauf. Gut, die Leute schlafen dabei ein, aber der Markt verlangt das so.“
Mit entzückend roten Bäckchen vor Aufregung erzählt uns die feministische Wissenschaftlerin, dass sie mit der These Pornographie sei die Theorie, Vergewaltigung die Praxis nie etwas anfangen konnte. Man müsse vielmehr damit umgehen, was es nun mal gäbe. Der Film switcht von einem Ausschnitt zum nächsten und wieder zurück. Das wirkt irgendwie künstlerisch, es wirkt aber auch irgendwie verwirrend. Eine Kunstfotografin porträtiert nackt wichsende Männer in ihrem Atelier, findet es aber zu intim die Fotos von diesem onanierenden Mann auszustellen, weil die Bilder angeblich zu viel über sie und ihre Sexualität offenbare. Ich bin spont
an geneigt, ihr einen guten Psychotherapeuten zu empfehlen. Sowas kriegt man schon in wenigen Sitzungen geregelt.
Tom Herold, der Regisseur, hat dann seinen ganz großen Auftritt, indem er uns die gesamte Bandbreite seiner Lebensphilosophie anvertraut: „Ich will die Pornos entmachoisieren. Ja, ich komme halt gegen den Kapitalismus nicht an. Ja, das sind Mainstreampornos, die ich mache. Ich muss ja von irgendwas leben.“ Die Frauen, mit denen er drehen müsse, die hätten manchmal noch nicht mal einen Orgasmus in ihrem Leben gehabt, da sei es natürlich schwer einen authentischen Porno zu produzieren. Endgültig den Vogel schießt er dann ab, als er verwundert in die Kamera schaut: „… bei uns denkt keiner über eine Sexposition nach … manchmal denke ich nur, ich sollte jetzt mal ein Gesicht filmen.“ Ulkig ist dann die Szene, wie der kopulierende Mann die tschechische Darstellerin auf der Couch von der Seite nimmt und vom Regisseur ein Stopp erhält. Während sein Geschlechtsteil noch in ihr verharrt, beginnt eine Diskussion zwischen dem Darsteller und dem Regisseur, wo jetzt hingespritzt werden könnte. Die Frau wird wie Luft behandelt und die Männer tauschen erstaunliche Argumente aus, welches Spritzziel welche Vor- und Nachteile hätte. Sehr komisch.
Tim Stüttgen, ein Performancekünstler, mit manchmal schrägen, jedoch stets intelligent vorgetragenen Ansichten, hat eine deutlich homophile Ausstrahlung, erzählt jedoch begeistert von einem Reverse-Gangbang-Dreh, bei dem ihm eine Girlgang quasi vergewaltigte, er passiv alles ertragen muss, wobei er schließlich auf dem Rücken liegend genommen wird: „Jede hockt sich auf mich drauf und steckt sich mein Ding rein. Ich werde wie so eine Art verlängerter Dildo von denen benutzt.“ Danach kommt unsere Fotografin ins Bild und gibt ernsthaft zu bedenken, dass Erektionen ja was Instabiles seien. Das ist fein beobachtet.
Pornos setzen eigentlich nur Emotionen und Phantasien frei, die ohnehin in einem drin säßen. Natürlich gelte das auch umgekehrt, das Pornos gewisse Bedürfnisse erst wecke. Diese Erkenntnis vom Regisseur Herold ist sicher richtig. Man müsse im Leben wie im Porno mit Macht umgehen können, und wer das könne sei sexy.
Während der anschließenden Diskussion mit einer intellektuell überforderten Studentin, die als Co-Autorin des Films vorgestellt wurde, und Jürgen Brüning, dem Leiter des Pornofilmfestivals in Berlin, laufen die Zuschauer scharenweise hinaus. Der Sauerstoffmangel? Oder war es einfach zu langweilig? Herr Brüning redet schwungvoll über die Anfänge des von ihn initiierten Festivals: „Mit Pornofilmfestival dürften wir in Deutschland eigentlich offiziell gar nicht werben. Der juristisch korrekte Terminus wäre unzensierte Vollerotik.“ Eine junge Frau aus dem Publikum fragt: „Ich kann mir mein Leben ohne Porno gar nicht mehr vorstellen. Aber ist Porno nicht eine subtile Waffe, um Beziehungen zu manifestieren?“ Haben Sie die Frage verstanden? Die Antwort vom Festivalleiter enthält einen wahren Kern. Pornos zementierten nun mal Rollenklischees. Aber es ginge in Pornos nicht um Sex. Es ginge um Profit.