
„Nutten beim Kicken zukieken“ wäre die politisch inkorrekte Beschreibung für das, was sich heute an einer Strandbar in der Nähe des Berliner Hauptbahnhofs abspielte. „Fußballspielende Sexarbeiterinnen bei Beweislastumkehr: wir können es nicht nur mit dem Mund“, wäre vielleicht die für Feministinnen gerade noch so akzeptable Formulierung. Die nun beginnende fußballbegeisterte Zeit, die ja vor vier Jahren so eine angenehm menschen- und lebenszugewandte Atmosphäre in Deutschland entzündete, macht sich in Bordellen oft negativ bemerkbar. Denn mit ein paar Bier intus, lässt die sexuelle Libido merklich nach: akuter Gästemangel ist die Folge. Die Behörden vermuteten damals eine ungeheure Nachfrage für sexuelle Dienstleistungen und prophezeiten eine enorme Anzahl von einreisenden Damen aus Billiglohnländern nach Deutschland. Die Realität sprach freilich eine andere Sprache, da die meisten männlichen Fußballfans mit Ehefrau anreisten, sodass es schlichtweg keinen Bedarf beziehungsweise kaum Möglichkeiten zur Nutzung des erotischen Kotaus gab. Mit Freude erinnere ich mich an die damals installierten sogenannten Verrichtungsboxen vor den Stadien, in denen man der Frau optimale Arbeitsbedingungen ermöglichte … und so ganz nebenbei für die Vermietung ein paar Euros in die Staatskasse fließen sollten. Der Staat stellte Baucontainer vor den Stadien auf, in denen sich der geneigte Fan vom sexuellen Druck befreien konnte. Die Idee der Behörden fand großes Medienecho („der Staat als Zuhälter“), war aber rein wirtschaftlich betrachtet ein Flop. Wie sieht das jetzt wohl in Südafrika aus?
Kommen wir zum heutigen Spektakel an der Stra
ndbar neben den quietschenden Gleisen des Hauptbahnhofs. Am Eingang prangen an schweren Zäunen befestigt zahlreiche Plakate „SexySoccer 2010 – elf Luder sollt ihr sein!“, wo unsere Rucksäcke von einem schwarzgekleideten Sicherheitsmann untersucht werden. „Wonach suchen Sie denn?“ – „Waffen, Leuchtmunition, Wurfgeschosse; okay, Sie können rein. Danke.“
In der Mitte der Strandbar ist ein kleines Fußballfeld aufgebaut, deren Seitenauslinien mit Werbebanden in Schritthöhe eingegrenzt sind. Noch ist das Spielfeld leer. Presse und Publikum werden fein säuberlich separiert. Abgesperrt und sicherheitsgeschützt auf der Presseseite: zahlreiche Kameraleute mit gelangweilten Gesichtern. Um die verbleibenden drei anderen Spielfeldseiten mischen sich fast ausschließlich jugendliche Porno-Konsumenten mit ein paar ganz wenigen Älteren sowie Reportern, die es auf die Normalo-Seite zog. Bei einer Analyse dieser Normalo-Fraktion komme ich zu folgendem Ergebnis: tiefdekolletierte U25-Tussitoaster (sonnenbankgebräunte Mädchen, die in den Gesprächen untereinander ihren Grips eher dosiert einsetzen) und U30-Männer, die es eher in den Oberarmen als im Oberstübchen haben, bilden die qualitative Mehrheit.
Während der Ansager, der Pornodarsteller Conny Dachs, mit der schlechten Tonanlage kämpft, verteilen einige im Fußballdress kostümierte Mädchen kostenlose Give-Aways: Feuerzeuge, Emergency Ponchos (Regenschutz-Überwürfe), Schlüsselanhänger, Ansteck-Buttons mit dem Spruch „Lass es raus!“, eine Musik-CD der Band Discofreunde, eine DVD von Joyfactor und als besonderes Highlight ein handtellergroßes Spermium zum Knuddeln. Herr Dac
hs müht sich derweil mit der Frauschaftsaufstellung des Spiels ab – keiner versteht ihn. Als die Pornoaktricen aus ihrem Umkleidezelt kommen und auf das Spielfeld einlaufen, grölt die Zuschauermenge. Mann drängt sich nun dicht ans Geschehen heran, während ich mich im Hintergrund auf einen Stuhl stelle, um alles gut im Blick zu behalten.
Augenscheinlich sind gerade 24 Titten aufs Spielfeld stolziert, denn diese Körperregion sticht bei den allermeisten Frauen überdeutlich hervor. Man könnte eigentlich operiert gegen unoperiert spielen lassen. Man hat jedoch die Schauspielerinnen mit erotischem Fachschwerpunkt in zwei Teams aufgeteilt, was recht einfach aufgrund ihrer auf nackter Haut bemalten Trikots von Australien und Deutschland erkennbar ist. Es ist keineswegs erotisch. Es ist eher so, dass wir uns fremdschämen: für die teilweise melonenartigen, hochstehenden OP-Busen, für die kneifenden Höschen, für die zugespachtelten Gesichter. Es gibt ein paar Ausnahmen wie Maria Mia und Jin Taylor, die durch ihren naturbelassenen Körper neben diesen Chirurgie-Monstern besonders positiv zur Geltung kommen. Der Moderator stimmt zum Anstoß ein passendes Liedchen an: „ihr habt die Möpse schön, ihr habt die Möpse schön, ja ihr habt, ihr habt die Möpse schön“. Das Spiel wird mit einer Trillerpfeife angeblasen. Alle Frauen laufen nun stets dahin wo der Ball sich gerade befindet, sodass es eher danach ausschaut als ob Kinder Fußballspielen würden.
„Wir wollen nur den Ballon sehen“, drängelt sich eine Mutter, an ihrer Hand läuft ihr vierjähriger Sohnemann, durch die Zuschauer. Die Mutter meinte mit Ballon nicht die Preziosen der kickenden Damen, wofür der Junge vielleicht auch Interesse gezeigt hätte, sondern einen Heißluftballon, der vom Wasser aus besser sichtbar war.
In bierseliger Stimmung fangen einige Herren damit an, ihre Lieblingspornodarstellerin anzufeuern, die mit hysterischen Fake-Gestöhne und Tussi-Gejohle antwortet. Nahezu unerträglich. Die Spielzeit von zwei Halbzeiten à zehn Minuten kommen mir wie eine Ewigkeit vor und es gibt wahrlich weder ein Tor noch eine Spielsituation, die es sich zu beschreiben lohnte. In der Halbzeitpause posieren die Pornomädels neben ihren als Trainerinnen bezeichneten Ex-Kolleginnen Dolly Buster und Kelly Trump, die im Grunde nichts weiter zu tun haben, als anwesend und schön zu sein. An dieser Aufgabe scheitert meiner Meinung nach zumindest eine der Beiden. Auf der Bühne singt Conny Dachs, der Moderator, zum Playback „Schumi, wir wissen das du Strapse trägst“ mit. Zum Liedchen springen sämtliche Pornodarstellerinnen im Takt hoch, was ihre Busen wippen lässt, sofern jene überhaupt noch beweglich sind, was wohl Sinn der Übung war.
Zur zweiten Halbzeit treten erneut vier Dunkelhaarige und acht Blondierte an, wobei sie, sofern ich ihre Kommentare auf dem Spielfeld als Maßstab nehme, im Kopf alle „blond“ sind. Da das Spiel keine nennenswerten Ereignisse bereit hält, versuche ich angestrengt mal woanders hinzuschauen als immer nur auf diese Brüste. Die meisten Frauen sind tätowiert. Und mir fällt der Spruch einer Bordellchefin ein, die zu mir sagte: „Frauen, die ihren Körper tätowieren, fühlen sich in ihrer Haut nicht wohl.“
Endstand Australien gegen Deutschland 6:4
Eine Magnumflasche Sekt wird geschüttelt und der Inhalt verspritzt. Einige Damen flößen ihrer Berufskollegin etwas von dem Prickelwasser direkt in den Rachen. Die Analogien zum Porno sind überdeutlich.